Das Aachen-Blog

Kategorie: Öcher (Seite 5 von 71)

Rammenasse – notfalls einfach mit Bier „erunterwürjen“

Die markantesten Spielorte echten Öcher Lebens sind seltener die Tempel und Paläste, nein, auf der Straße ist der Kaiserstädter, wie er eben ist.

Wir sind auf dem Wochenmarkt in Burtscheid, kaufen unsere Steinpilze und ein paar Blättchen Feldsalat, da tut sich rechts Bewegendes. Ein Herr älteren Alters – schnell wird sich herausstellen, dass er ein Eingeborener ist – fragt die Marktfrau, die ebenfalls mit Pauwasser getauft ist, „ob die Dinger wat taugen“?
„Wat för Denger“, fragt sie zurück, und er deutet auf das taufrische Rettichgemüse, das in allen Farben und Schattierungen aus der Kiste lacht. „Die Rammenasse“, sagt er. Und sie erwidert: „Dat kannst wahl jlöive!“

ramenasse

Fortan wird gefachsimpelt über die Kraft der Wurzel, sie hat sich zuletzt „e Rammenässjen jejönnt“, als der Husten ein lästiger Begleiter war, „dat hat jeholfen“. Und die Kollegin wirft ein, dass „dr Rettisch an sisch ja eijentlich Medizin is'“ – Originalwort: „Da kannste dich dr Penizillin spare!“ Von hinten beteiligt sich ungefragt eine bislang unbeteiligte Käuferin: „Deä is auch jut für de Verdauung.“ Und dem Mann entfleucht ein trockenes „Futzwurzel“!

Da kannste dich dr Penizillin spare!

Man spricht noch dieses und jenes über die Pflanze, die hier im Scheinwerferlicht der Burtscheider Freitagsmorgenssonne liegt – schleimlösend, harntreibend, blutreinijend – und erfährt, dass schon „de alten Äjüpter damit de Püramiden jebaut haben“ – (hä?). Es geht so weiter, bis der Herr schließlich drei ordentliche rote Prügel einkauft und mit besten Empfehlungen davonschlurft.

Was er nicht mitbekommt, ist das Gespräch danach am Stand. „Än wat maaht heä nu met de Rammenasse?“, fragt die eine Verkäuferin, die eben noch „feine Streifen mit wat Salz und ene Brezzel“ empfohlen hatte, die andere. Und die verzieht das Gesicht und sagt: „Ene Salat! Aber dat hatt‘ ich sofor‘ jedach‘, wie ich dem sah.“ Zur Bestätigung für so wenig Einfallsreichtum rundet die Kollegin das am Marktstand gepflegte Bild vom Manne ab: „So sind se, de Herren, die würjen alles mit Bier erunter!“

Vür liere Öcher Platt – Schimpfwörter! Die Grundausstattung.

(„Vür liere Öcher Platt!“ Die legendäre Serie mit Karl Allgaier hat eine eigene Kategorie „Öcher-Platt-Schule“ – zum Schnellerfinden. Hier die bestgeklickte Folge) 

Wenn mein Opa sauer auf mich war, dann war ich flott „ene Klüttekloes“, was vornehme Aachener als Kohlen-Klaus übersetzen mögen, womit aber eindeutig ein Tölpel oder Tuppimann gemeint war.

Und meine Mutter nannte mich nicht nur einmal „ene Hoddelekriemer“. Was wohl mit meiner leidlich ausgeprägten Leidenschaft für das Aufräumen, die mich bis zum heutigen Tag begleitet, zu tun hatte.

drkarl

Kluet (Tölpel), Eäsel (eben der), au Schatull (alte Hexe), kollije Natur (Klappergestellt), Schöppebuur (gewöhnlicher Mann vom Land, geht auch Stadt), Breijmul (Großmaul), Brejchmeddel (Brechmittel), Knoterpott (grantiger Zeitgenosse), Krentekööl (Korinthenkacker), voolversoufe Kouh (Freund des Alkohols)… – es gibt so wunderbare Schimpfwörter im Öcher Platt.

Grund genug für dr Karl, unseren Platt-Lehrer Karl Allgaier, hier im Heimat-Blog den wunderschönen Öcher-Platt-Kurs fortzusetzen. (Erstmalig im April 2011 veröffentlicht.)

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*** Bisher in dieser Serie erschienene Podcasts:

Öcher Platt Schnupperkurs (3): Verben konjugieren

Öcher Platt Schnupperkurs (2): die Familie

Öcher Platt Schnupperkurs (1): die Zahlen

***Info: Dr. Karl Allgaier, dr Karl also, Sprachwissenschaftler durch und durch, ist im Brotberuf als Direktor der Bischöflichen Akademie schon ein gefragter Mann, ist so ganz nebenbei leidenschaftlicher, quasi examinierter und mit allen Tücken der Kunst beschlagener Öcher Platt-Experte. Und Mitherausgeber des Neuen Aachener Sprachschatzes.
Wir versuchen das einfach mal, vür liere Öcher Platt. Und wir haben vor drei Wochen den Startschuss gegeben.

Heimatmusik fürs Herz: Wenn övver Oche de Sonn ongerjeäht

(Mein Gott, ist das so lange her? März 2010! Damals habe ich den Spaß und die Freude gehabt, mit Ägid Lennartz, René und Uwe Brandt einen Abend Öcher Heimatmusik für 7uhr15 zu machen und aufzunehmen. Kann man sich immer noch anhören. Hier der Originaltext.)

Oche. Herzensangelegenheit. Die Stadt. Ihre Menschen. Und ein gutes Gefühl.

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„Wenn övver Oche de Sonn ongerjeäht“ ist eins der schönsten Lieder, die jemals über unsere Stadt geschrieben worden sind. Leo Lamm zeichnet dafür verantwortlich, wer auch sonst? Und er sitzt jetzt wohl auf einer Wolke hoch über seiner Stadt und freut sich hoffentlich darüber, dass es dieses feine Stück Musik jetzt auch hier zu hören gibt.

Aus der Volksmusik-Reihe der Herren Brandt, Brandt, Lennartz und Büttgens hier auf 7uhr15.ac, ein Mitschnitt aus dem Wohnzimmer.

Hört mal rein, Freunde der Öcher Musik, das aktuelle Audio!

:DD Wenn övver Oche de Sonn ongerjeäht

Viel Spaß dabei! Der nächste Song kommt nächste Woche.

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Bisher erschienen:

:DD Vür sönd allemoele Öcher Jonge

:DD De Trin und de Tant Liss

:DD Mathilde, die zerknüllte Bluse und ein fahrendes Vertiko.

:DD Ne Mensch – än dr Reän en Oche

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*** Wissens-, lesens-, hörenswert zu diesem Projekt:

:DD Das Special ein Gespräch zum Projekt „Vür maache Öcher Musik“

🙄 ***Mehr gucken:
Und hier geht es zur kleinen Bildergalerie, die ein bisschen von diesem ausgesprochen kreativen Abend im Hause Lennartz erzählt.

***Die Ursprungsgeschichte im Blog: Darum geht es beim Volksmusikprojekt.

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Ein Männlein, putzmunter, aber puterrot droht mir Prügel an. Aufm Kompostplatz.

Ich würde gerne noch ein paar Sätze aufschreiben, weil ich doch gestern auf dem Kompostplatz in Brand war. Wörter und Sätze waren früher auch kompostierbar, weil sie ja in der Regel auf Papier ausgegeben wurden. Aber darum geht es jetzt gar nicht, denn ich hatte ja in Wirklichkeit Gras im Kofferraum.

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Also Rasenschnitt jetzt, um schön präzise zu sein. Keine Erde aus Blumentöpfen und Balkonkästen, auch kein Baum- und Strauchschnitt, kein Reisig, erst recht keine gejäteten Unkräuter oder große Wurzeln mit Erdanhaftungen, nein, das wissen wir sauber auseinanderzuhalten, es war nur frischer Rasenschnitt. Gleich wenn man aufs Kompostplatzgelände kommt, vornean abzuladen, also da, wo alle hin wollen. Und auch deshalb war es diesmal ebenso bemerkens- wie berichtenswert.

Es war so gegen 10 Uhr, und ihr glaubt nicht, wer morgens um zehn mitten in der Woche Zeit hat, viel oder auch überhaupt keine Zeit hat, um den Kompostplatz anzufahren?! Genau, da waren sie. Aufm Weg zur Waschstraße noch mal eben „nach dr Jabco“, später dann noch „mit de Frau nach dr Aldi“. Aber hatten wir, hatten sie das eingeplant, was nun geschah? Ab der Autobahnunterführung standen wir Freunde der akkurat geschnittenen Buchsbaumhecke im Stau, stop and go bis zur finalen Grünschnittbox! Für nicht wenige eine nicht zu meisternde Herausforderung, jetzt mal nervlich gesprochen.

„Mitten in de Jartensaison“

Als der Erste hupte, weil er ein Ventil brauchte, um seiner Anspannung Herr zu werden, stimmte sogleich der Zweite ein. Der Dritte – direkt vor mir fahrend – hing plötzlich halb aus dem Fenster und brüllte etwas wie „Ihr seid doch beklopp‘, mitten in de Jartensaison!“ Als er weiterfuhr, konnte ich sehen, dass der Stau einerseits durch die Vielzahl der Rasenschnittanlieferer, andererseits aber auch durch einen Bagger an einer kleinen Straßenbaustelle verursacht wurde. Skandal: Baustelle vor Kompostplatz mitten in der Woche, mitten am Tag, eben mitten in der Hauptrasenschnittanlieferungsperiode!

Auf dem Terrain der bedauernswerten Kompostplatzbetreiber angelangt, gab es ein bemerkenswertes Wild-, ich bin versucht zu sagen, ein Krautundrübenparken zu bewundern, das dem sonst so heiligen und folglich stark ausgeprägten Ordnungssinn der meisten hier Grünschnitt anliefernden ADAC-Ehrenlorbeerkranzplakettenträger schwer entgegenstand. Auch jetzt ein Hupen und Getöse. Wer zu schnellen Bewegungen und Reaktionen in der Lage war, parkte hektisch ein, die anderen (die meisten) taten es langsam. Was wiederum nur die Geduldigsten der Nachkommenden ertrugen.

Und dann dreht er ab
Aufgeheitert wurden die Gelassenen unter den Genervten und Erhitzten durch wild ins Kraut schießende Wortgefechte. Als ich mein Auto verließ, um Richtung Rasenschnitt, also Richtung Kofferraum zu schreiten, blies mich ein putzmunteres, aber puterrotes Männlein, das ich bis dahin gar nicht gesehen hatte, weil es sich wohl unterhalb meines Autofensters bewegt hatte, von dort unten an: „Siehste nich‘, datste mich einjepark‘ has‘, du Tuppes!“ Ich wies auf die großzügige Lücke hin, die ihm zum Ausparken blieb, ließ ihn stehen, was ihm laut und deutlich missfiel, riet zur Besinnung und holte aus dem Kofferraum den grünen Sack, um ihn dort zu entleeren, wo es auch die anderen taten.

Einer hatte sich gerade am durch mehrtägige Lagerung schwer sabbernden Rasenschnitt mit den Worten „is‘ die Scheiße sickenass!“ sein feines hellblaues Hemd versaut, was er im Nachgang mit Worten bedachte, die ich nicht aufschreiben werde. Zwischenzeitlich war das Männlein wieder aufgetaucht und drohte mir Prügel an für den Fall, „datste nich‘ sofort die Karre wegsetz'“!

Ich bin ganz ruhig geblieben, habe den Hof ordnungsgemäß verlassen. Merke aber jetzt, dass es mir gut tut, ganz im Sinne des therapeutischen Schreibens das Erlebte kurz auf diesem Kompostplatz der Erinnerungen abzulegen.

Komm, wir jehen uns einen Puffel essen!

Bisweilen fragen Gäste, mit denen man so durchs Städtchen läuft, was denn wohl das Geheimnis der Öcher Jemütlichkeit ist. Merke: Sie haben schon nach kurzer Zeit festgestellt, dass dem Aachener eine gewisse Geselligkeit, Heiterkeit, Zufriedenheit, ja, ein spürbarer Hier-is-et-schön-hier-bleib-ich-Faktor innewohnt. Und das kommt an.

Ja, was ist das? Es gibt fraglos Erklärungen: die internationale Talkesselrandlage sei da genannt, die Nähe zur Maasregion, zum Laissez-Faire der Holländer oder zur sympathisch alltagsanarchistischen Haltung des Ostbelgiers, keine Ahnung. Vielleicht liegt es ja auch tatsächlich am heißen Wasser oder am alten Kaiser, ejal.

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Komm, wir essen uns jetz‘ emal janz jemütlich ene Puffel!

Mir fällt nur immer wieder auf – und das belegt vor allem die Art, wie wir sprechen -, dass der Öcher ene joue Vermaach vor allem auf sich selbst bezogen zu schätzen weiß, also quasi selbstreflexiv jemütlich ist. Wo sonst geh‘ ich mich ein Bierchen kriejen oder mich der Küll biene oder mich was auf dr Sofa lejen?

Sich vermaache, sich verlöstiere, sich verjönne.

Meine Oma sagte immer, auf Jutdeutsch, weil sonntags: „So, jetz muss ich mich noch rejiere (parat machen), tu mich der Schal in dr Hals, dann kriej’ich mich dr Opa än dann jehen wir uns ’n jutes Tässchen Bohnenkaffee trinken!

Für um sich kaputt zu lachen, wa?

Leich’a’letikfes‘

Mein Freund R., der ein großer Verehrer der Leibesübungen ist und quasi täglich seinen Mitmenschen mit seiner Hyperaktivität ein schlechtes Gewissen macht, kann am Sonntag nicht.

Nein, sagt er, er würde ja sehr gerne mit zum Tivoli kommen, aber Sport, aktiv betrieben, sei ihm „wichtiger als der passiv konsumierte“. Auch da ist jeder Jeck anders.

Die Entschädigung für die Absage bekam ich allerdings, als er auf meine Frage: „Wat machste denn für’n Sport am Sonntag?“ die großartige Antwort gab: „Wir haben bei uns im Dorf ’n Leichaletikfes.“

Wir notieren: LEICH’A’LETIKFES‘!!!! Wahrscheinlich mit Wei’sprung und so…

Ja, so spricht der Öcher. Auch ohne den Genuss von vier Fläschchen Bi’burger. Wo immer ein lästiges stimmloses T sich einschleich‘: schlucken! Haup’sache.

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Zwischenzeitlich hatte sich auch die Bahn AG dem Öcher Gebrauch des stimmlosen T’s angepasst…

Nur das noch: Dass mein Kumpel R. auf die Frage, welchen Klub er sich als nächstes für die Alemannia im Pokal wünscht, geantwortet hat „Jla’bach“, versteht sich ja wohl von selbs‘!

*** Im 7uhr15-Podcast-Archiv gekramt:

:DD Hür! Eine Sprache ohne t oder Treffpunk‘ Haup’bahnhof!

Alter! Ich schwöre, Alter…

Ihr müsst Bus fahren, Leute! Viel mehr Bus fahren. Das ist Entertainment vom Feinsten.

Dieser Tage war es nicht zu umgehen, zu vermeiden, zu verhindern, einer kleinen Gruppe von Schülern bei ihren Wortfindungsübungen am frühen Morgen zuzuhören.

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All die Banalitäten dieses Gespräches sollen an dieser Stelle nicht wiederholt werden, das würde unnötig Zeit rauben. Und unsere Zeit ist ein kostbares Gut. Allerdings sei kurz die beste Passage erzählt, geht flott, die mehr ein Monolog des durch coole Anmerkungen am deutlichsten auffallenden Mädchens war.

Es ging wohl um einen jungen Lehrer – und der Satz klang ungefähr so: „Eh Alter, wie der aussieht, Alter, voll brech und so, Alter, und Alter, ich schwöre, hast Du mit dem schon mal gequatscht, Alter, gequatscht, eh?! Alter, wie der labert, Alter, voll komisch, Alter!“

Manchmal ist es wirklich schade, wenn man den Stop-Knopf drücken muss, weil das Ziel erreicht ist…

In diesem Sinne, Alter, schönen Start in die Woche, Alter. Und Alte auch!